Zum 27. Oktober



Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht. - Röm. 1, 16

Man könnte hier fragen, weshalb der Apostel eigentlich diese Bemerkung macht, da doch das Evangelium nicht etwas ist, dessen man sich zu schämen braucht. Gott hat es uns vom Himmel herab gegeben, es ist also das Ehrenvollste, was es auf Erden gibt. Weshalb sagt der Apostel dann, dass er sich nicht schäme? Ohne Zweifel deshalb, weil Menschen sich desselben doch zu schämen pflegen.
Hier werden gewiss viele meinen, dass dies nur zur Zeit des Apostels der Fall sein konnte, wo die ungläubigen Juden und die Heiden die Herrlichkeit des Evangeliums nicht kannten und deshalb auch in ihrer falschen Weisheit verachteten. Es ist gewiss wahr, dass es sich zur Zeit des Apostels so verhielt, dass das Evangelium Gottes „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit war“, … „weil die Juden Zeichen forderten und die Griechen nach Weisheit fragten“. Ganz ebenso aber geht es auch jetzt zu. Das Evangelium Christi ist auch heute ein Ärgernis und eine Torheit sogar für viele von denen, die auf Seinen Namen getauft sind.
Die menschliche Natur ist zu allen Zeiten und an allen Orten dieselbe, trotz aller äußeren Veränderungen. Darum lässt das ganze Wort Gottes sich auch zu allen Zeiten und auf alle Völker anwenden, sie seien Juden oder Heiden, Mohammedaner oder Namenchristen. Es trifft überall zu, was der Apostel sagt: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit und kann es nicht erkennen.“ Und nicht nur das, sondern das Evangelium Christi ist in jeder Beziehung auch im schärfsten Kampf gegen alles in unserer Natur Liegende. Im Evangelium wird das angegriffen, was der Mensch am meisten liebt, nämlich seine Unabhängigkeit. Da wird eine unbedingte Unterwerfung des Verstandes und des Willens unter das Wort Christi gefordert. Da werden jede Hochmutseinbildung und alles Selbstvertrauen gründlich zu Boden geschlagen. Da wird Gott allein groß und der Mensch nur ein armer Bettler. Das kann der Menschennatur nie gefallen, sondern bedeutet ihr nur Pein und Tod. Hier liegt darum auch der Grund, weshalb Jesu Worte und Seine wahren Zeugen stets von allem gehasst sein müssen, was nicht aus Gott geboren ist. Darum sagte der Herr auch so oft zu Seinen Jüngern, dass sie sich darauf vorbereiten sollten, um Seines Namens willen von allen Menschen gehasst zu werden; und Er erklärte, dass es nicht wohl um sie stände und dass sie nicht Seine wahren Jünger seien, wenn sie nicht dieses Zeichen hätten, dass es ihnen wie dem Meister erginge. Es ist nicht das wahrhaftige und das reine Evangelium Christi, wenn die Welt es lieben kann und wenn es nicht verspottet und angetastet wird.
Da nun aber ein Feind des Evangeliums nie dafür gehalten sein will, das Gute und Richtige zu hassen, so muss die Feindschaft sich immer mit dem Schein des Eifers für die Wahrheit umgeben und deshalb auch Christi Sache als Torheit oder als etwas Falsches und Böses schmähen, das getadelt und verabscheut zu werden verdient. Da Jesu Jünger und Freunde immer die kleine Schar, nur einige wenige Verachtete sind, während die Welt, die sie schmäht, die große tonangebende und angesehene Schar ist, so kann man leicht verstehen, dass es immer zu einer schweren Versuchung wird, sich Seiner und Seines Wortes zu schämen. Ach, es wird für manchen Christen ein unaussprechlich harter Kampf, um Christi willen der Achtung der ganzen Welt zu entsagen, ein Tor zu werden und sich von seinen Nächsten und Freunden und der ganzen bürgerlichen Gesellschaft verachtet und aufs ärgste geschildert zu sehen. Wir haben doch auf Erden nichts Kostbareres als die Achtung, die Freundschaft und das Vertrauen der Menschen. Jetzt sollen wir allem entsagen. Um solches immerfort zu ertragen, ist ein göttliches Werk an der Seele erforderlich. Wir reden hier nicht von jener Frömmigkeit, die von der Welt gebilligt und geachtet werden kann, sondern von der wahren, echten Nachfolge Christi, die unbedingt der Welt ein Ärgernis und eine Torheit sein muss, so wahr Christus gesagt hat: „Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen“; als wollte Er sagen: Geben sie vor, dass sie euch wegen eines Fehlers, z. B. wegen eines Mangels an Demut, Sanftmut usw. hassen, so wisst, dass Ich „sanftmütig und von Herzen demütig“ war, und dennoch haben sie Mich gehasst.
Römerbrief

Schämest du dich deines Heilands,
Seines Kreuzes, Seiner Schmach?
Ach, Er schämte sich nicht deiner,
Als Sein Herz für dich einst brach.

Wagst du nicht, dass andre merken,
Dass dir Jesu Name lieb?
Er am Kreuz hat mehr gewaget,
Als die Lieb’ in Tod Ihn trieb.

Fürchtest du der Welt Gespötte?
Ach, dein Heiland, Herr und Gott
Hat viel Spott und Hohn ertragen,
Als er litt für deine Not.

Willst du deiner selbst hier schonen,
Ruh zu haben kurze Zeit?
Ach, dein Heiland sich nicht schonte
Einst für dich im heißen Streit.

„Wer sich Mein und Meiner Worte
Schämet“, also Jesus spricht,
„Dessen werd’ Ich Mich auch schämen,
Wenn Ich komme zum Gericht.“

Lass dich warnen, der du schämest
Dich des Heilands, der so gut;
Schäm’ dich nicht, dich zu bekehren!
Lass dich retten durch Sein Blut!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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