Zum 22. Januar



Welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst? - Luk. 9, 25

Es ist eine unschuldige Sache, irdische Güter oder Ländereien oder eine Frau zu besitzen; als Christus aber die Hindernisse darlegen wollte, die vom Reiche Gottes abhalten, nannte Er diese (Luk. 14, 18–24). Vater und Mutter zu lieben, ist nicht nur unschuldig, sondern befohlen. Christus aber spricht: „Wer Vater und Mutter mehr liebt denn Mich, der kann nicht Mein Jünger sein“, kann nicht in das Reich Gottes eingehen. Wenn der Mensch nun in geistlicher Trägheit und Sicherheit einhergeht, wie würde er sich dann vor Begierden fürchten können, die so unschuldige Dinge zum Gegenstand haben? Dann blickt er nur auf die Art des Gegenstandes und denkt: Es ist ja nichts Böses, was ich suche; haben nicht auch die Heiligen irdische Güter, Ländereien oder eine Frau gehabt? Sollte nicht auch ich nach solchem trachten dürfen? Dabei will er nicht darauf achtgeben, ob das Suchen abgöttisch, eigenwillig und selbstisch ist, ob die Sache den Sinn und das Herz so einnimmt, dass Gott, Seine Gnade und Sein Wohlgefallen dem gegenüber ein Nichts werden, zu unbedeutend, um die Seele befriedigen oder erfreuen zu können. Darauf gibt der arme Mensch nicht acht. Er ist nicht aufrichtig genug gegen sich, dies zu untersuchen. Schließlich kommt es so weit, dass er, obwohl er fühlt, wie handgreiflich er von einem Götzen gefangen ist und ganz festgehalten wird, dennoch keinen Widerstand mehr leisten kann. Er will nicht einmal von seiner Liebe dazu befreit sein, und dann — dann sieht es traurig mit dem Gnadenleben aus.
Aber der Teufel wendet nicht nur die Dinge an, die in der Welt sind, Augenlust, Fleischeslust usw., um die Seelen der Gläubigen zu fangen, sondern auch die Menschen, die „von der Welt“, „Kinder dieser Welt“ sind. Sie sind die treuen, willigen Diener des Teufels, um die Gläubigen bald mit Feindschaft, Drohungen und Verfolgungen einzuschüchtern, zu hindern oder zu ermüden, bald sie mit Verheißungen, Schmeicheleien und freundlichem Bemühen zu locken und zu ziehen. Gar viele traurige Beispiele gibt es dafür.
Da ist ein Handwerker. Er war durch Gottes Gnade gerufen, erweckt und begnadigt worden, war herausgegangen von der Ungerechtigkeit, Eitelkeit und Weltlichkeit und trachtete jetzt nach dem, was droben ist. Nach einiger Zeit aber bemerkte er, dass viele seiner früheren Bekannten sich nicht mehr an ihn wandten, er bemerkte eine Abnahme im Geschäft und in den Einkünften. Bald konnte er nicht mehr aushalten, auf den Herrn zu harren. Er fasste vielmehr den Gedanken, dass es für ihn notwendig sei, die Freundschaft der Welt wiederzugewinnen. Jetzt fing er an, sein Christentum zu verheimlichen, sich der Welt gleichzustellen, sich solchen Christen zu entziehen, die von der Welt verachtet sind und sich zu solchen zu halten, die die Welt gern hat und rühmt, sowie zu besseren Weltmenschen. Kurz, er fing an, sich so zu stellen, dass die Kinder der Welt nicht argwöhnen sollten, er sei ein anderer als sie, oder dass er mit Besorgnis an ihren Seelenzustand denke. Er fing an, im Kleinen nachzugeben, ihnen zu Willen zu sein und an ihren Zusammenkünften und feineren weltlichen Vergnügungen teilzunehmen. Bald war die Welt freundlich und froh in der Hoffnung, ihn gewonnen zu haben, und bald leitet sie ihn, wohin sie will. Nach einigen Jahren kann er mit der Welt sowohl trinken als auch spielen und alles das tun, was das Fleisch gelüstet.
Solch ein unglücklicher Rückfall ins Netz der Welt geschieht aber nicht nur Handwerkern, sondern auch Menschen aus allen Ständen und in allen Verhältnissen — hier einem Kaufmann, dort einem Studenten, hier einem jungen Mädchen, dort einem Prediger. Sie waren zu Jesus gekommen, aber sie konnten es nicht ertragen, sich von der Welt verachtet oder zurückgesetzt, ihren guten Ruf und ihr Auskommen, ihr Brot, ihre Beförderung geschmälert zu sehen. Sie fangen an, danach zu trachten, die Freundschaft der Welt wiederzugewinnen und sich derselben gleichzustellen. Aber denke niemand, dass einer von ihnen dann sprechen würde: Ich bin der Welt gegenüber schwach. Nein, diese traurige Sache wird jetzt bemäntelt mit dem Reden von der Freiheit eines Christen, ja von der Pflicht eines Christen, sich, um der Welt zu dienen, nicht von derselben zu trennen. Nie aber kommt die Stunde, in der dieser Nutzen, dieser Dienst der Welt mit einer ernstlichen Warnung bewiesen wird; denn es muss immer vorsichtig und glimpflich zuwege gegangen werden, dass man nicht anstößt und Ärgernis gibt. Daher kommt es dann, dass die freie, dreiste Welt mehr über das fromme, nachgiebige Kind herrscht, als dieses über jene. Und wenn der arme Mensch nicht beizeiten hierauf achtgibt, aufbricht, „hinausgeht und bitterlich weint“, sondern fortfährt, „am fremden Joch mit den Ungläubigen zu ziehen“, dann wird er schließlich ein Knecht unter diesem Joch, unter der Welt und der Menschengunst. Die geistliche Gnadenkraft ist verschwunden, die Freundschaft mit Gott ist aufgehoben — denn „der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft“ —, und das Band zwischen den Gläubigen ist zerrissen, wie ja immer das eine aus dem anderen folgt: „Demas hat mich verlassen und diese Welt liebgewonnen.“ Und wenn man nun den Christen und den Büchern aus dem Wege geht, die das Urteil über einen solchen Zustand verkündigen, dann fällt man mehr und mehr der Verhärtung anheim, was zudem in der Natur eines jeden Abfalls liegt.
III/237

Wach und bete recht, werd’ nicht Satans Knecht,
Lass dich von der Welt nicht kaufen!
Wonach ihre Kinder laufen,
Ist nur Eitelkeit. Wach und bet’ allzeit!
Ach verscherze nicht dein Erbteil im Licht!
Halt dich an die Schrift und wache,
Dir selbst und der Welt entsage,
Dein Erbteil am Licht, ach verscherz es nicht!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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