Zum 21. Mai



Ich will den Herrn loben allezeit; Sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. - Psalm 34, 2

So redet der geprüfte David. Und so müsste gewiss auch einem Christen zumute sein, der in den ganzen Reichtum Christi versetzt ist, dass er in einem solchen Glück immer froh und dankbar ist. Der Apostel sagt: „Seid allezeit fröhlich und seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.“ Es ist gewiss die seligste Pflicht, dass Gottes Kinder schon hier in der Prüfungszeit das himmlische Leben beginnen, nämlich unseren Gott zu preisen und zu loben, sich zu freuen und den himmlischen Vater für alles, was Er in sich selber ist und was Er für sie getan hat, tut und noch tun wird, zu lieben und zu preisen. Wer aber vermag alle hiermit angedeuteten Gegenstände des Lobes Gottes auch nur auszusprechen? Nicht weniger wichtig ist es, beizeiten zu bedenken, dass die Undankbarkeit eine Sünde ist, die eine ganze Menge unglücklicher Folgen mit sich bringt. „Die Undankbarkeit ist der austrocknende Wind, vor dem Gottes Gnadenquellen versiegen.“
Die Undankbarkeit ist eine Art Bezauberung des menschlichen Sinnes. Wenn er auch der Glücklichste auf Erden ist, wird er doch wie ein unglückliches Wesen durch das Leben gehen und — ein Märtyrer fortwährender Unzufriedenheit — sich selber eine Last und ein Leugner der Ehre Gottes sein. Wer auf dieser Erde möglicherweise auch am wenigsten erhalten hat, hat doch viele Gründe, unausgesetzt unseren Gott zu preisen, zu loben und zu danken. Denn nur etwas von den herrlichen Werken und dem Wesen Gottes zu sehen und zu wissen, müsste uns schon mit Seinem Preis erfüllen. „Die Erde ist voll der Güte des Herrn. Himmel und Erde sind Seiner Ehre voll.“ Und selbst der am wenigsten Glückliche hat tiefe Gründe, Gott zu preisen und zu loben nur für das, was Er in sich selber ist. — Dies umso mehr, wenn du Seine große Gnade und Barmherzigkeit an deinem eigenen Herzen erfahren hast, wenn du begnadigt wurdest mit der seligen Berufung zum Reiche Christi, begnadigt mit der Erleuchtung des Heiligen Geistes, so dass du dich selber und deinen Heiland kennenlernen und ein Kind Gottes werden durftest und bei alledem vielleicht auch eine ganze Menge sichtbarer Wohltaten Gottes — geistliche wie leibliche — genießest, Gottes Wort und dein tägliches Brot, ja alles für die Reise durch das Leben Notwendige hast. Wie müsstest du dann doch unserem Gott danken und Ihn loben! Wenn du dagegen alles das vergisst, unzufrieden und ungeduldig einhergehst und nur auf einige kleine Unannehmlichkeiten blickst, so ist das eine Undankbarkeit, die kaum ungestraft bleiben kann. Ein Christ muss ein fröhlicher, dankbarer Mensch sein.
Wenn wir nun verstanden haben, dass die Undankbarkeit eine gefährliche und verderbliche Sünde ist, so ist noch die Frage übrig: „Wie sollen wir solche Herzen erhalten, die das Gute, das Gott gibt, recht schätzen sowie Ihm dafür danken und Ihn dafür preisen?“ Hier hilft nichts anderes, als was der Apostel sagt: „Wacht recht auf!“ Hier hilft nichts anderes, als dass unsere Augen in Wahrheit auf Gott gerichtet werden. Das ist der rechte Weg. Die undankbarsten Menschen sind voller Lob und Preis Gottes geworden, wenn ihre Augen nur geöffnet wurden, Gott und das Gute, was Er getan hat und täglich tut, zu sehen. Als David seine Seele recht zum Lobe Gottes erwecken wollte, sprach er: „Und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat.“
Hat Gott dir nichts Gutes getan, dann meinst du, Ihm auch nicht danken zu brauchen. Aber ist das hier nicht die große Frage?! Wir müssten Gott schon preisen und anbeten für das, was Er in sich selber ist, wenn Er uns auch nichts Gutes getan hätte. Die rechte Dankbarkeit gegen Gott aber erfüllt kein Menschenherz, bevor es nicht die große Gnade empfangen hat, die den Menschen ganz zerschmilzt und umwandelt. Darum können wir nur die zum Preise Gottes auffordern, die die große Barmherzigkeit erfahren haben, dass sie aus der Gewalt des Todes und des Teufels errettet und durch den Geist Gottes von neuem geboren worden sind. „Die Toten werden Dich, Herr, nicht loben“ und „es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, kann er nicht einmal hier in der Zeit das Reich Gottes sehen.“ Er ist blind und tot; er sieht die Herrlichkeit Gottes nicht. Versuchen zu wollen, ihn zu herzlicher Freude und Dankbarkeit zu bringen, wäre dasselbe, als wollte man Schnee und Eis dahin bringen, warm zu werden.
Gleichwie es aber, wenn wir Gottes Güte nicht erfahren haben, ein vergeblicher Versuch ist, selber am Herzen zu arbeiten, um es warm und dankbar zu machen, so ist es andererseits sehr leicht, dankbar zu sein, wenn wir schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist. Ja, dann müsste es im Gegenteil schwer sein, Ihm nicht zu danken und Ihn nicht zu preisen. Auch den Kindern Israels war es nicht schwer, Gott zu preisen und zu loben, als sie durch das Rote Meer gegangen waren und gesehen hatten, dass ihre Feinde in den Wellen begraben wurden. Im Gegenteil, da war es ihren Herzen ein unwiderstehliches Bedürfnis, in Gottes Lob und Preis auszubrechen, und wir hören sie davon singen, was der Herr getan hatte, was der Herr war und was der Herr ihnen bewiesen hatte. So ist denn das ganze Geheimnis eines dankbaren und lobsingenden Herzens dieses, dass es den Herrn sieht.
IV/255

O lasst im Himmel und auf Erd’
Sein Lob erschall’n; Er ist es wert!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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