Zum 13. September



Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es. - Eph. 2, 8

Gnade ist ein wichtiges Wort in der Seligkeitslehre; darum müssen wir es gründlich betrachten. Es scheint sehr leicht verstanden zu werden, solange es gilt, nur daran zu denken und darüber zu reden. Sobald es aber die Anwendung gilt, dass unsere ewige Seligkeit oder unsere Verdammnis darauf beruht, ist wohl kein Wort recht zu fassen und zu glauben schwieriger als dieses kleine Wörtlein Gnade. Die Lehre von der Gnade ist ein wichtiger Teil der Lehre von Gott. Ihn aber in der Gnade recht zu erkennen, das ist das ewige Leben. — Gelobt sei Gott!
Zunächst befindet die ganze Welt sich in einer dicken Finsternis bezüglich dieser Frage von der Gnade Gottes, da sie dieselbe so ansieht, dass Gott es mit dem Menschen nicht so genau nehmen werde, weil er doch schwach ist und nicht vollkommen sein kann. „Aber Gott ist gnädig“, sagt man dann, „Er nimmt es nicht so genau mit uns.“ Mit dieser Gnadenpredigt betrügt die alte Schlange die ganze Welt und wiegt sie in den Schlaf. In dieser Weise wäre Gottes Gnade eine Art Oberflächlichkeit, die Seine Gerechtigkeit und Wahrheit in Seinen Urteilen gänzlich zunichte machen würde. Die Schrift aber lehrt anders. Etwas anderes sollst auch du aus dem Blutschweiß Christi, aus Seiner Geißelung und Seinen Angstrufen am Kreuze lernen, sodann auch aus der Zerstörung Jerusalems und aus allem Schauerlichen, was dabei über das Eigentumsvolk Gottes erging, obgleich doch ohne Seinen Willen kein Vogel auf die Erde fallen darf. Gottes Gnade ist weder eine Nachsicht noch eine Oberflächlichkeit. Gott hegt in Seinem Herzen eine uns unbegreiflich große Liebe und Barmherzigkeit; sie kann aber nicht im Streit mit Seiner ebenso großen wie vollkommenen Gerechtigkeit ausgeübt werden. Der Herr Jesus kann über Jerusalem weinen, Er kann es aber nicht erretten, da es Seine Stimme nicht hören will.
Wenn wir von der vergebenden Gnade Gottes reden, durch die der Mensch in Seinen Bund und Seine Freundschaft aufgenommen wird, dann müssen wir wissen, dass sie nur in Christus gegeben wird. Ist der Mensch aber in Ihm und hat und genießt er alles, was Er für uns getan hat und ist, dann ist da auch eine ganz vollkommene Gnade und die allerhöchste Freundschaft und Liebe. Denn gleichwie außer Christus keine Gnade ist, sondern nur nach Verdienst gegeben wird, so gilt dagegen auch kein Werk, keine Sünde, keine Unwürdigkeit bei denen, die in Christus Jesus sind. Das heißt Gnade. Sie ist der völlige Gegensatz zu aller Ansehung der Werke oder des Verdienstes. Dies ist eine sehr wichtige Feststellung, wenn man verstehen will, was Gnade ist. Der Apostel sagt: „Ist es aber aus Gnaden, so ist es nicht aus Verdienst der Werke, sonst würde Gnade nicht Gnade sein; ist es aber aus Verdienst der Werke, so ist die Gnade nichts, sonst wäre Verdienst nicht Verdienst.“ Und abermals sagt er: „Dem, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.“ (Hier werden Gnade und Pflicht einander als Gegensätze gegenübergestellt.) Und abermals: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.“ Aus allen solchen Stellen merken wir, dass Gnade und Werke, Gnade und Verdienst ganz entgegengesetzte Dinge sind, so dass das eine das andere unbedingt ausschließt. Der Mensch wird nur aus Gnaden gerecht und selig. Alle, die diese Gnade genießen, haben kein Recht auf diese Gaben, sondern sie hätten im Gegenteil nur Gottes Strafe und Zorn verdient, wenn Gott nach unserem Verdienst handeln würde, weil die vollkommene Gerechtigkeit eine vollkommene Heiligkeit fordert, in uns aber beständig Sünde ist.
Alles das ist leicht zu verstehen, soweit es die Lehre davon betrifft. Wenn Gott aber einen Menschen heimsucht und erweckt hat, so dass er jetzt das tiefe, unendliche Sündenverderben im innersten Wesen der Seele, in Gedanken, Begierden und Gemütsbewegungen sieht und fühlt, und wenn das alte Herz immer den unrichtigen Weg einschlagen will und das Fleisch voller sündiger Neigung ist — was alles durch den innewohnenden Geist mehr und mehr beleuchtet und fühlbar wird —, dann wird es eine schwere Kunst zu verstehen, dass dieses ganze Verderben die Gnade nicht im geringsten hindert noch erschüttert. Denn da das Gesetz doch in das Wesen des Menschen geschrieben ist und die erwiesene große Gnade Gottes all seine Forderungen umso billiger und wichtiger für die Seele macht, so wird die innere Anklage wegen der Sünde immer fühlbarer. In demselben Grade, wie Gott gnädig ist, wird alle Sünde umso unwürdiger und kränkender. Und wenn der Feind den Menschen nun nicht länger im Schlaf und in der Sicherheit halten kann, dann sucht er beständig daran zu arbeiten, ihn in Unruhe und Verzweiflung zu bringen, wozu er jetzt alle Mittel anwendet, indem er zunächst die innewohnende Sünde beständig erregt und dann die Seele mit allen drohenden Worten Gottes erschreckt und peinigt, das Verständnis von der Gnade Gottes verfinstert und ihr unausgesetzt die Heiligkeit Gottes und Seinen Zorn über die Sünde vorhält. Jetzt das Wort Gnade in seiner wahren und vollen Bedeutung zu behalten, das ist eine Weisheit, die über alle menschliche Vernunft hinausgeht. Möchte Gott darum jeden Christen vor der Verblendung bewahren, dass er dieses Thema auslernen könnte, da doch alle wahren Heiligen hierin immer Schüler geblieben sind, wie wir in den Psalmen Davids und der Geschichte aller Heiligen lesen.
Römer 1, 5

Herr, öffne mir die Tiefe meiner Sünden,
Lass mich auch sehn die Tiefe Deiner Gnad!




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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